Victoria Falls: Der Schutz des Nyami-Nyami

Die drei erlebnisreichen Tage im Hwange Nationalpark sind vorbei und schon erwartet uns ein weiterer Höhepunkt. Victoria Falls, zugleich der Name einer Stadt und der weltberühmten Wasserfälle, ist das Zermatt Simbabwe’s. Während wir die letzten Tage alleine für uns die Ruhe genossen haben, ist Victoria Falls eine pulsierende Stadt, die auf der Liste jeden Weltenbummlers fast ein Must ist. In der Nähe Victoria Falls befindet sich sogar ein moderner, internationaler Flughafen, an dem wir auf unserem Weg von Robin’s Camp nach Vic Falls vorbeifahren.

Ein Besuch der Wasserfälle ist obligatorisch. Im Gegensatz zu Zermatt, wo man das Matterhorn gratis und fast von überall bewundert werden kann, muss man in Victoria Falls den Zutriit zu einem kleinen Nationalpark bezahlen; in Vic Falls selber hört man nur wie die enormen Wassermengen hinunterdonnern. Trotz der saisonbedingten vergleichsweise geringen Wassermenge sind die Fälle beeindruckend. Von verschiedenen Aussichtspunkten kann man sich die Wasserfälle ansehen, und die Wassermenge ist so gewaltig, dass unsere Kleider feucht werden. Wir gehen an der Statue des weltberühmten  britischen Geographen David Livingstone vorbei, der die Wasserfälle als erster Europäer erblickt hat. Vielzitiert sind die Worte von Stanley, der Livingstone nach zwei Jahre Suche britisch kühl mit "Dr. Livingstone, I suppose" begüsst hat.

Die Fälle kommen von der zambesischen Seite her, und deshalb sehen wir nach Zambia hinüber. Einige Touristen klettern auf der anderen Seite in der Nähe des Abgrund, mir wird schon beim Zusehen heiss. Christine als Bungee-Jumping Freak schaut wie Touristen von einer Brücke aus 120m die Zambesi-Schlucht hinunterstürzen. Die Zambesi-Schlucht führt von den Victoria-Falls ostwärts und führt in den Kariba-See. Christine überlegt sich einen Sprung in die Tiefe und möchte mich vom gleichen Unterfangen überzeugen.

Der eigentliche Grund, warum Vic Falls auf unserem Reiseprogramm steht, ist das spektakuläre Riverrafting, welches von professionell geführten Unternehmen angeboten wird. Die anderen als erfahrene Kanuten sind bestens über den Zambesi informiert und reden deshalb mit hohem Respekt über das bevorstehende Abenteuer. Ich habe auf der bernisch-langsamen Saane bei Gstaad meine Erfahrungen gemacht und sehe dem Event eher sorglos entgegen. Schliesslich habe ich auf einem Video gesehen, wie sich auch ältere Semester die Fluten des Zambesi hinunterwagen.

Shearwaters organisiert das Riverrafting äusserst professionell. Als wir am Morgen beim Besammlungsplatz eintreffen, warten schon sicher 100 andere Abenteuerlustige. Bei Kaffee werden wir mit einem Film auf die bevorstehende Action vorbereitet, was für die Beruhigung unserer Nerven nicht gerade Balsam ist. Die Raft Guide sind alle im Tenü von Shearwater eingekleidet und versuchen sich möglichst cool zu geben. Ein erstes Mal werden wir in theoretische Aspekte des Sambesi Rafting eingeführt. Ein Long Swimmer, wird erklärt, ist man, wenn man aus dem Boot fällt und dann unfreiweillig eine Wasserschnelle über eine längere Distanz hinuntergeschwemmt wird. Ein Short Swimmer bezeichnet jedoch einen Abenteuerlustigen der sich nach unfreiwilligem Wasserbade sofort zurückretten kann. Bei beiden Schwimmarten gibt es eine andere Rettungstechnik, bei beiden gilt aber der Leitsatz: “Just relax and enjoy your ride”. Vor allem dieser letzte theoretische Satz ist in der Praxis recht schwierig umzusetzen…

Nach der Busfahrt und einer weiteren theoretischen Erklärung, bei dem der Kameramann der Firma schon tüchtig am Filmen ist, steigen wir in die Schlucht hinunter. Kompliment an die Träger, die das Boot den steilen Pfad hinuntertragen. Unten angekommen, sind wir die erste Gruppe, die eine praktische Schulung erhält. Unser Guide stellt sich vor: “My name is Creto, business name Colgate”. Wir einigen uns auf einen Teamnamen. Vor allem das Retten der anderen im Team muss geübt sein, und ein paar Sprünge ins Wasser können auch nicht schaden; das Wasser ist angenehm warm, wir müssen nicht einmal einen Neopren-Anzug tragen. Die Schwimmweste wird von Creto so fest angezogen, dass ich im ersten Moment fast keine Luft bekomme.

Endlich geht’s los. Das Problem und der Reiz zugleich beim Raften sind die Rapids, die Wasserschnellen. Es gilt sie möglichst sicher zu bewältigen; wer sie paddel-technisch sauber und diszipliniert und unter Anleitung eines erfahrenen Guides in Angriff nimmt, hat exzellente Chancen die Sache unbeschadet zu überstehen. Jeder Rapid ist mit einem Namen versehen, der jedoch ziemlich willkürlich gewählt scheint.
Creto klärt uns vor jedem Rapid über wichtige Eigenschaften des einzelnen Rapids auf..

Beim ersten Rapid, “The morning glory”, müssen wir teures Lehrgeld bezahlen. Wir sind unserer Sache zu sicher, und anstatt tüchtig am Paddel zu ziehen winken wir fröhlich dem beim Rapid sich befindenden Kameramann zu. Hilflos muss ich mitansehen, wie das Boot aufgestellt wird, Wolfgang hinauskatapultiert wird, dann bin ich an der Reihe. Ich fühle mich wie eine ungewaschene Hose in einer Waschmaschine, mir geht’s wirklich dreckig. Die Wassermassen schleudern mich von einem Wirbel zum anderen, ich glaube mein Schienbein hat beim Hinausfallen einen Schlag erhalten, vielleicht vom Paddel vom Vordermann. Wie lange bin ich unter Wasser? Eine halbe Minute? Plötzlich ist meine Nasenspitze oberhalb des Wasser, und ich kann eine Portion Sauerstoff in meine Lungen hineinpumpen. Die Freude ist von kurzer Dauer, bald wiederholt sich die gleiche Prozedur. Endlich spült mich die Wasserschnelle heraus, und ich bin in etwas ruhigeren Gewässern. Vor mir sehe ich Isabelle, sie hat’s auch geschafft, und das freut mich. Also warum nicht einen kurzen Schwatz mit Isabelle führen? Sie erwidert allerdings meine freundlichen Worte nicht und versucht hastig das nächste Raft zu finden. Zur Sicherheit aller fahren noch einige Männer in Kanu’s mit; diese geben mir nun dezidiert die Anweisung, es Isabelle gleichzutun.

Nach dem Vorgefallenen sitze ich etwas zittrig und noch immer etwas ungläubig über die Gewalt des Wassers im Raft einer anderen Gruppe, die mich herausgefischt hat. Langsam spüre ich auch mein schmerzendes Schienbein; sicher ist es gebrochen und die Telemarksaison ist zu Ende bevor sie für mich begonnen hat. Nach einigen Kontrollfragen weiss mich der Raft-Guide zu beruhigen und über mehrere Boote gerate ich mit Isa in das Raft von Creto zurück. Jetzt ist die Vorfreude auf die nächsten Rapids ziemlich verschwunden und mit Bedenken denke ich an die bevorstehende Fahrt, die ich jetzt nicht mehr rückgängig machen kann.

Im Vorlaufe des Morgens gewinne ich meine Zuversicht und damit den Spass zurück. Dank “paddle hard” meistern wir die kommenden Rapids bestens,  und jedem gelungenen Rapid folgt ein freundschaftliches “Gi’me five”. Vor dem Mittagsbuffet legen wir einen mächtigen Sprint, was Creto dementsprechend goutiert. Überhaupt scheint Creto über die Leistung unseres Teams erfreut, was die Frauen und Mannen des Kanuklub Fribourg natürlich mit Freude hören.

Den Franzosen und den Belgier, die wir im Robin's Camp sahen, haben wir nahegelegt, auch Raften zu kommen, Wie wir feststellen können, sind sie unserer Empfehlung nachgekommen. Allerdings haben sie eine etwas gemütlichere Variante gebucht. Sie sitzen in einem Raft, in welchem ein Guide mittels mächtigen Paddeln das Boot selber in Schwung hält.

Die Rapids am Nachmittag sind um einiges harmloser als diejenigen am Morgen; darum können wir sie um einiges mehr geniessen. Einzig beim letzten Rapid, “Oblivion” ist ein long swimming fast nicht zu verhindern. Allerding ist das long swimming um einiges angenehmer als im morning glory. Als wir den Oblivion passiert haben, beruhigt sich das Gewässer wieder. Ich frage Creto um Erlaubnis, bei der nun herrschenden Hitze ein wenig baden gehen zu dürfen. Ein wenig später verstehe ich, warum er nicht einwilligt: am Flussrand sehen wir Krokodile, die ein Sonnenbad nehmen.

Nach einem erlebnisreichen Tag geben wir noch einen lockeren Spruch in die Kamera und marschierden die Schlucht wieder hinaufzugehen. Auf mittlerer Höhe steht ein älterer Herr, schweissüberströmt und laut vor sich herkeuchend. Ich frage mich, was mit ihm passiert wäre, wenn er wie wir schon beim Morning Glory Wasser geschluckt hätte.

Die Victoria Fälle sind vor allem wegen des Rafting eine Reise wert. Auch landschaftlich ist die Zambesi-Schlucht allemal ein Erlebnis. Auch Laurence, die eine Kanufahrt auf dem Karibasee unternommen hat, ist begeistert. Den Kommerz in Victoria Falls wollen wir aber nicht länger erleben; deshalb entschlossen wir uns, den Chobe Nationalpark in Botswana noch besuchen zu gehen. Ein weiser Entschluss, wie sich zeigen wird.